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Jenseits

aller

Worte

wohnt

der

heilende

Klang

 

Piano:

Wolf Bergelt


Ihr Text

 

Selbstgeburt

 

Hautraumjetztgebunden

Nichtssagend wahr

 

Der Worte sind so viele,

doch wo ist denn ihr Sinn,

wenn ich mit ihnen spiele

und nicht darinnen bin?

 

Der Sinn liegt halt im Schwatzen,

im Mitgefühl der Schar,

schön munter wie die Spatzen:

nichtssagend, aber wahr ...


Tatstille


In aller Tat die Stille finden,

ist besser als sich grübelnd winden,

denn Grübeln macht dich ruhelos,

fängt es im Kopf sich selber bloß.


Anders ist es mit dem Denken

in Fuß und Hand und Brust:

dort wird dich das Leben lenken,

wohin Du wirklich mußt.

 

Solange Zeit ist

 

Fremdvertraute Duheit

schweigende Erzählerin

vor meinem liebenden Auge

stumme Sängerin

an meinem wachen Ohr -

sprich weiter

und singe

solange Zeit ist

damit ich dich sagen kann.

 

Singe weiter mir

das Lied deiner wissenden Füße

gegen den schmiegsamen Sand

in den Raum

deinen heilenden Gliedergesang -

singe weiter

späte Sonnentochter

deine farbige Abkunft vom Licht

im Widerschein des Meeresspiegels

in deiner glitzernden Toga aus Tropfen und Salz.

 

Auch das Lied deiner Würde erreicht mich

stolze Hüterin der Herzmitte

leicht und frei wie dein Haupt

und das Lied des Geschlechts

Priesterin des Lebensstromes

hör' ich in ungetrübten Krümmungen

vor der regellosen Starre amorphen Gesteins -

und zuletzt den Gesang der Wärme

aus deinem klugen Antlitz.

 

Singe weiter, oh singe

solange Zeit ist

damit ich dich sagen kann ...


Fluß in uns und wir in ihm ...


Wer nur den Friedhofsfrieden liebt, wird stumm.

Wer immer nur im Krieg versinkt, wird dumm.

Wer manchmal schnell zu tanzen wagt, wird frei,

wer immer nur in sich verbleibt, ein Ei.


Vergiß dich ganz und werde still,

weil alles Leben selbst sein will ...

Geh' fort von dir und komme an,

sei Frau in dir und sei auch Mann.

Sei jetzthaft und sei ganz verliebt,

in alles, was nicht ganz vertriebt.


Wir sind nicht triebhaft, sondern Fluß,

in dem sich alles finden muß ...

 

Normliebe (ein Liedchen)

 

Es war einmal ein Mädchen,
das hieß mit Namen Narziß,
drehte immer ein Rädchen,
träumend und selbstseinsgewiß.

 

Das Mädchen gab es in Mengen
und auch in männlicher Form,
in allen nur denkbaren Engen:
Es war das Mädchen der Norm.

 

Manche gaben sich träumend
und über die Maßen zart,
andere wieder schäumend
und maßlos liebevoll hart.

 

Manche waren wie Blüten,
erwartend den Blick nur für sie,
andere waren wie Tüten:
luftvoll platzend, laut wie das Nie.

 

Alle glaubten an Liebe
und brauchten die andern dazu,
weil sonst alles nur triebe
im Freisein und faden Wozu.

 

Wenn man sie sah, wie sie waren,
wurden sie puderhochrot
und glichen Blütenheerscharen
und sahen den Seher zu tot.

 

Ihr Liebesideal war ein „Wehe,
wenn Du nicht siehst, was ich will,
dann zeige ich dir meine Zehe,
kalt wie die Schulter - haßliebestill.

 

Liebe ist, wenn ich dir zeige,
daß ich an dich gedacht,
weil, wenn ich darüber schweige
lieb’ ich dich ohne Macht.

 

Laß’ mich dich zwingend erfreuen,
machtlose Liebe ist mir zu rein,
würde mein Ego zerstreuen,
mein machtgeiles Selbstgewißsein.

 

Ich kann nur lieben im machten
und im selbstverzehrenden Fassen,
sonst müßte ich andre achten
und einfach nur selber sein lassen.“

in uns selbst gefangen

sind wir Sehnsuchtswunden -

pures Du-Verlangen

 

In uns selbst verlorne

leere Schattenwelten,

gleichsam Ungeborne,

die dem andern gelten.

 

Nur in Zwischenräumen

werden wir geboren,

in Begegnungsträumen -

geht der Tod verloren …

 

Näherung

 

Mondgleich steigen

schweigend -

Wandelreigen.

 

Dich erleben

schwebend -

Mich verweben.

 

Sich berauschen

lauschend -

Wesen tauschen.

 

Uns umwinden

findend -

Wärme binden.

 

Höre

 

Die Häuser

Sicher stehen sie im Gewesenen

Sicher sind sie im Verfall.

 

Das Fahrende

Sicher gleitet es im Scheinbaren

Sicher im Vergessenen.

 

Die Arbeit

Sicher gedeiht sie im Fraglosen

Sicher im Immerzu.

 

Das Handeln

Sicher kreist es im Selbstzweck

Sicher in blinder Irre.

 

Doch dazwischen -

Das Weinen ...

Das Lächeln ...

 

Bekenntnistanz

 

Dieses Gedicht für dich
ist wie ein alter Tanz,
in dem auch Du für mich
vergibst dich ganz.

 

Es ist ein leiser Klang

auf das, was aus dir spricht,
vieltausend Jahre lang -
aus deinem Licht.

 

Als ich dich sah im Traum,
warst Du mir längst vertraut
aus meinem Innenraum,
auf meiner Haut.

 

Jetzt bin ich plötzlich scheu,
weil ich so offenbar
mich deiner so sehr freu‘,
so schutzlos wahr.


Nichts
 
Wohin ich begehre
ist, was es nie gab
nur sinnvolle Leere:
ein Wünschmirwasgrab
 
Nur Deine Bewegung
selbstkreisgeboren
Wir-lose Regung
wunschtraumverloren
 
Verfangene Lieder
Echo im Spiegel
Selbstspiegelglieder
trennende Siegel
 
Vergebene Gaben
die mir nicht galten
vergebliches Haben
haltloses Halten
 
Traumzauberferne
Nichts, was uns bindet
zwei suchende Sterne
wo sich Nichts findet.

 

Nachklang

 

Kann und will nichts mehr verstehn
nicht zweifeln mehr und sinken
will nur noch lassen dich und gehn
um aus mir selbst zu trinken.

 

Doch was ich trinke, schmeckt wie Du
und plötzlich find ich dich im lassen
und trink dir noch im Gehen zu
um liebend dich zu fassen.

 

Ich lasse dich und fasse dich
wo ich dich einst gefunden
dort, wo Du frei bist und an mich
für allezeit gebunden.

 

Und kehrst Du einst aus dir zurück
von deiner langen Reise
bin ich auch dieses ganze Stück
mit dir gegangen leise.


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© der vorstehenden Texte bei Wolf Bergelt